Inklusion
KI und Inklusion: Mehr Chancen auf Arbeit und Selbstständigkeit

Tobias Werner, Funktioniert Einfach
· 9 Min. Lesezeit
Eine gute Geschäftsidee kann an einem leeren Textfeld hängen bleiben. Ein passender Arbeitsplatz kann schwer erreichbar sein, wenn die Bewerbung viel Kraft kostet. Und ein unklarer Arbeitsauftrag kann aus einer lösbaren Aufgabe einen anstrengenden Tag machen.
An solchen Stellen kann KI helfen: Gedanken ordnen, einen Textentwurf erstellen, Informationen verständlicher aufbereiten oder Rückfragen vorbereiten. Damit können Menschen mehr Möglichkeiten bekommen, ihre Fähigkeiten einzubringen und selbst über ihren beruflichen Weg zu entscheiden.
Dieser Ratgeber zeigt konkrete Ansatzpunkte für autistische Menschen, Menschen mit Legasthenie und andere Personen, die im Berufsleben Barrieren begegnen. Er richtet sich ebenso an Selbstständige und Unternehmen, die ihre Abläufe zugänglicher gestalten möchten.
Der erste Schritt darf klein sein: eine Aufgabe, die mit passender Unterstützung leichter gelingt.
Was wirtschaftliche Teilhabe im Alltag bedeutet
Wirtschaftliche Teilhabe umfasst den Zugang zu Arbeit, faire Verdienstmöglichkeiten, Weiterbildung und berufliche Entwicklung. Dazu gehört auch die Möglichkeit, eine eigene Leistung anzubieten, Kunden zu gewinnen und ein Unternehmen zu führen.
Die hilfreiche Frage lautet deshalb: Welche konkrete Hürde verhindert gerade, dass jemand seine Fähigkeiten einsetzen kann?
Vielleicht ist es das Schreiben eines Angebots. Vielleicht ein Bewerbungsgespräch ohne Vorbereitungsmöglichkeit. Vielleicht eine Software mit unverständlichen Fehlermeldungen. Daraus ergeben sich sehr unterschiedliche Lösungen.
Die Internationale Arbeitsorganisation beschreibt sowohl Chancen von KI für zugänglichere Arbeitsabläufe als auch Risiken durch diskriminierende Personalauswahl. Der Nutzen hängt vom konkreten Einsatz ab. [1]
Autismus und Legasthenie: Unterstützung beginnt bei der Person
Menschen mit derselben Diagnose können unterschiedliche Bedürfnisse und Arbeitsweisen haben. Die National Autistic Society betont ausdrücklich individuelle Stärken, Herausforderungen und Kommunikationspräferenzen. [2]
In diesem Artikel verwenden wir „autistische Menschen“ und „Menschen im Autismus-Spektrum“. Persönliche Selbstbezeichnungen, etwa „Asperger“, verdienen Respekt. Für eine passende Unterstützung ist entscheidend, was die jeweilige Person selbst als hilfreich erlebt.
Bei Legasthenie kommen beispielsweise Spracheingabe, Vorlesefunktionen und Rechtschreibunterstützung infrage. Solche Hilfen nennt auch die British Dyslexia Association in ihren Empfehlungen für Arbeitsplätze. [3] Nicht jede dieser Funktionen benötigt generative KI.
Eine gute Ausgangsfrage ist: „Wie möchten Sie Informationen erhalten, bearbeiten und weitergeben?“
Vier Beispiele, die sich praktisch ausprobieren lassen
Die folgenden Situationen sind illustrative Beispiele. Sie zeigen mögliche Anwendungen und sind keine Erfolgsberichte oder Versprechen für bestimmte Personengruppen.
1. Aus gesprochenen Gedanken ein Kundenangebot machen
Eine selbstständige Fachkraft kennt ihre Leistung und hat den Kundenwunsch verstanden. Das Formulieren des Angebots kostet jedoch viel Energie. Gerade wenn Schreiben eine Hürde ist, kann ein anderer Einstieg helfen.
Zunächst werden die wesentlichen Punkte diktiert oder als Stichworte festgehalten: Was wird geliefert? Was ist ausgeschlossen? Welcher Preis ist vereinbart? Welche Angaben fehlen noch?
Eine KI kann daraus einen gegliederten Entwurf erstellen. Anschließend werden Leistungsumfang, Zahlen und Zusagen geprüft. Falls hilfreich, lässt man sich das Ergebnis vorlesen.
Erstelle aus meinen Notizen einen verständlichen Angebotsentwurf. Verwende kurze Absätze und diese Gliederung: Kundenwunsch, Leistung, Preis, Termin, offene Fragen. Übernimm nur Informationen aus meinen Notizen. Erfinde keine Preise, Termine oder Zusagen. Kennzeichne fehlende Angaben mit OFFEN. Bewahre meinen sachlichen Ton. Hier sind die anonymisierten Notizen: …
Der mögliche Nutzen: Die eigene Leistung lässt sich klarer anbieten. Ob die Unterstützung entlastet, zeigt sich daran, wie gut der Entwurf nach der Prüfung verwendbar ist.
2. Einen unklaren Arbeitsauftrag in klare Rückfragen übersetzen
„Bitte machen Sie das noch etwas runder und möglichst zeitnah.“ Solche Anweisungen lassen Spielraum. Wenn konkrete Erwartungen wichtig sind, können daraus unnötige Rückfragen oder Missverständnisse entstehen.
Eine KI kann markieren, welche Angaben tatsächlich vorliegen und welche fehlen. Das kann beispielsweise für autistische Beschäftigte hilfreich sein, die klare, ausdrückliche Absprachen bevorzugen. Die Entscheidung darüber liegt bei der Person.
Prüfe diesen Arbeitsauftrag. Trenne ausdrücklich genannte Anforderungen von offenen Punkten. Liste auf: gewünschtes Ergebnis, vorhandene Vorgaben, fehlende Informationen. Erfinde keine Fristen und interpretiere keine versteckten Absichten. Formuliere höchstens drei kurze Rückfragen. Auftrag: …
Eine mögliche Rückfrage lautet: „Welche zwei Änderungen sind Ihnen am wichtigsten, und bis wann benötigen Sie die überarbeitete Fassung?“
Der mögliche Nutzen: Erwartungen werden besprechbar. Die Führungskraft trägt weiterhin die Verantwortung, einen verständlichen Auftrag zu geben.
3. Eigene Erfahrungen für eine Bewerbung sichtbar machen
Manchmal ist berufliche Erfahrung vorhanden, aber schwer in die Sprache einer Stellenanzeige zu übertragen. Eine Person hat beispielsweise regelmäßig Termine koordiniert, Material bestellt oder Kundenfragen beantwortet, beschreibt das selbst jedoch nur als „mitgeholfen“.
KI kann dabei unterstützen, solche Tätigkeiten verständlich zu benennen und mit den Anforderungen einer Stelle abzugleichen.
Vergleiche meine tatsächlichen Erfahrungen mit dieser Stellenanzeige. Erstelle drei Listen: passende Erfahrungen, offene Fragen zur Stelle und Anforderungen, für die bisher ein Nachweis fehlt. Formuliere anschließend fünf sachliche Sätze für eine Bewerbung. Erfinde keine Abschlüsse, Kenntnisse oder Erfolge. Meine Erfahrungen: … Stellenanzeige: …
Der mögliche Nutzen: Vorhandene Fähigkeiten werden leichter vermittelbar. Arbeitgeber können zusätzlich Arbeitsproben, vorab erklärte Gesprächsabläufe und unterschiedliche Kommunikationsmöglichkeiten anbieten.
4. Kundenkontakte und Onboarding überschaubar organisieren
Wer selbstständig arbeitet, muss neben der eigentlichen Leistung auch Anfragen, Absprachen und nächste Schritte im Blick behalten. Ein einfacher Ablauf kann dabei unterstützen: Anfrage erfassen, Bedarf klären, Angebot prüfen, Rückmeldung festhalten.
Ein CRM könnte dafür eine übersichtliche Aufgabenliste bereitstellen. Ein Onboardingportal könnte neue Kunden oder Mitarbeitende schrittweise durch die benötigten Informationen führen. KI könnte aus freigegebenen Notizen einen Entwurf für die nächsten Aufgaben erzeugen; Zuständigkeiten und Fristen werden anschließend bestätigt.
Der mögliche Nutzen: Absprachen lassen sich nachvollziehen, und der nächste Schritt ist leichter erkennbar. Für den Einstieg reicht oft eine einzige gut gestaltete Checkliste.
Wie solche Anwendungen grundsätzlich aufgebaut werden können, zeigen die Beiträge zum eigenen CRM mit Base44 und zum Onboardingportal. Ob eine konkrete Oberfläche für eine Person zugänglich und hilfreich ist, muss gemeinsam erprobt werden.
Weitere Menschen können von zugänglichen Abläufen profitieren
Auch Menschen mit Seh- oder Hörbehinderungen, Menschen mit ADHS oder Menschen, die eine Arbeitssprache erst lernen, können auf Hürden treffen. Ihre Situationen und Bedürfnisse unterscheiden sich.
Mögliche Ansatzpunkte sind:
- Gesprochene Informationen zugänglich machen: Untertitel oder Transkripte können helfen. Namen, Fachbegriffe und wichtige Absprachen benötigen eine Prüfung.
- Lange Informationen strukturieren: Eine gegliederte Zusammenfassung kann den Einstieg erleichtern. Der vollständige Originaltext sollte erreichbar bleiben.
- Sprachliche Hürden verringern: Übersetzungsentwürfe und verständliche Erklärungen können beim Austausch unterstützen. Entscheidende Inhalte werden vor der Verwendung geprüft.
Eine KI-Funktion ist nur dann hilfreich, wenn auch ihre Bedienung zugänglich ist. Deshalb gehören die Menschen, die sie nutzen sollen, von Beginn an in die Gestaltung und Erprobung.
Was Unternehmen konkret verändern können
Ein guter Anfang ist ein Gespräch über einen realen Arbeitsablauf: „Wo entstehen unnötige Hürden, und welche Veränderung wäre für Sie hilfreich?“
Vier Schritte bieten sich an:
- Erwartungen klären. Ergebnis, Zuständigkeit und Termin nachvollziehbar benennen. Ein Beispiel kann mehr erklären als eine lange Anweisung.
- Kommunikationswege anbieten. Informationen beispielsweise schriftlich ergänzen und Rückfragen über einen passenden Kanal ermöglichen.
- Unterstützung gemeinsam erproben. Die Person entscheidet mit, welche Hilfe sie verwenden möchte. Eine verständliche Einführung und Zeit zum Ausprobieren gehören dazu.
- Auch die Erfahrung bewerten. Neben der Ergebnisqualität zählen Selbstständigkeit, Verständlichkeit und die erlebte Belastung.
Die W3C empfiehlt in ihrer ergänzenden Anleitung zur kognitiven Zugänglichkeit klare Schritte und unmittelbar verfügbare Erläuterungen. [4] Für ein digitales Onboarding lässt sich daraus beispielsweise ableiten: pro Schritt eine verständliche Aufgabe und direkt daneben eine Erklärung.
Solche Anforderungen lassen sich in die Planung einer Prozessautomatisierung aufnehmen. Eine eingesparte Minute allein beschreibt noch keine gelungene Teilhabe.
Worauf es beim Einsatz von KI ankommt
Ergebnisse prüfen. KI kann Angaben verändern, Informationen auslassen oder überzeugend klingende Fehler erzeugen. Bei Angeboten, Bewerbungen und Arbeitsaufträgen lohnt sich ein fester Kontrollschritt für Namen, Zahlen, Fristen und Aussagen.
Mit passenden Daten arbeiten. Für einen ersten Versuch reichen erfundene oder anonymisierte Beispiele. Im Unternehmen sollte geklärt sein, welches Werkzeug für welche Daten verwendet werden darf. Gesundheitsangaben oder vertrauliche Kundendaten gehören nicht unüberlegt in einen Chat.
Persönliche Wahlmöglichkeiten erhalten. Eine Unterstützung sollte zur Person passen. Wenn eine Lösung mehr Aufwand oder Stress erzeugt, braucht es eine andere Vorgehensweise. Auch menschliche Ansprechpersonen bleiben wichtig.
Auswahlverfahren kritisch betrachten. Die ILO warnt, dass KI-gestützte Bewerberauswahl Menschen mit Behinderungen benachteiligen kann. [1] Schreibstil, Blickkontakt oder Sprechweise sollten nicht als pauschaler Ersatz für eine nachvollziehbare Beurteilung beruflicher Fähigkeiten dienen.
Ein überschaubarer Einstieg für diese Woche
Wählen Sie eine Aufgabe, die Sie regelmäßig beschäftigt. Nehmen Sie zunächst eine Variante mit geringen Folgen, etwa einen internen Textentwurf.
Notieren Sie vorab: Was soll leichter werden? Woran erkennen Sie ein brauchbares Ergebnis? Wer prüft es?
Probieren Sie den Ablauf bei zwei oder drei vergleichbaren Aufgaben aus. Halten Sie anschließend fest:
- War das Ergebnis nach der Prüfung verwendbar?
- Wie viel Überarbeitung war nötig?
- Hat sich die Aufgabe für Sie leichter oder übersichtlicher angefühlt?
- Möchten Sie die Unterstützung erneut nutzen?
Diese Fragen liefern eine bessere Grundlage für den nächsten Schritt als ein allgemeines Versprechen, mit KI werde alles einfacher.
Unterstützung zu nutzen ist ein selbstbestimmter Schritt
Vielleicht gibt es eine Aufgabe, die Sie seit längerer Zeit aufschieben. Ein Angebot. Eine Bewerbung. Eine Beschreibung Ihrer eigenen Leistung.
Sie dürfen dafür Unterstützung nutzen und ausprobieren, welche Form zu Ihnen passt. Ein erster Entwurf kann ein Anfang sein. Eine klare Rückfrage ebenfalls.
Wenn ein Werkzeug nicht hilft, ist das kein persönliches Scheitern. Die Lösung muss zu Ihren Bedürfnissen passen. Ihr Wert hängt nicht davon ab, wie schnell Sie schreiben, wie spontan Sie antworten oder wie viel Sie mit KI leisten.
Wirtschaftliche Teilhabe wird greifbar, wenn Sie mehr Möglichkeiten bekommen, Ihre Fähigkeiten einzusetzen und Ihren beruflichen Weg mitzugestalten.
Welcher Arbeitsablauf steht Ihnen im Weg?
Sie führen ein Unternehmen oder arbeiten selbstständig und möchten einen konkreten Ablauf verständlicher oder leichter bedienbar gestalten?
Beschreiben Sie für eine erste Anfrage drei Dinge:
- Welche Aufgabe macht gerade Schwierigkeiten?
- Wie wird sie bisher erledigt?
- Was sollte danach einfacher möglich sein?
Eine Diagnose ist für diese Anfrage nicht erforderlich. Als Einstieg genügt zum Beispiel: „Unsere neuen Mitarbeitenden verlieren beim Onboarding den Überblick. Wir möchten die Schritte verständlicher aufbauen.“
Funktioniert Einfach kann daran anknüpfen, um mögliche digitale Abläufe zu besprechen – etwa für Onboarding, Kundenkommunikation oder die Organisation wiederkehrender Aufgaben.
Mehr zu passenden KI-Anwendungen: KI-Automatisierung bei Funktioniert Einfach
Häufige Fragen
Muss man für den Einstieg eine eigene KI-Anwendung entwickeln lassen?
Für einen ersten Versuch kann eine vorhandene, geeignete Schreib- oder Strukturierungshilfe reichen. Eine individuelle Anwendung wird dann interessant, wenn sich ein klarer Bedarf wiederholt und bestehende Werkzeuge ihn nicht passend abdecken.
Hilft dieselbe KI allen Menschen mit Autismus oder Legasthenie?
Nein. Ausgangslage, Bedürfnisse und bevorzugte Arbeitsweisen sind unterschiedlich. Entscheidend ist die Erfahrung der jeweiligen Person mit einer konkreten Aufgabe.
Kann KI einen Arbeitsplatz oder ein sicheres Einkommen garantieren?
Nein. KI kann einzelne Tätigkeiten unterstützen. Berufliche Chancen hängen zusätzlich von Arbeitsbedingungen, Qualifikation, Nachfrage und zugänglichen Verfahren ab.
Macht KI eine Website oder ein Onboarding automatisch barrierefrei?
Nein. Zugänglichkeit betrifft auch Aufbau, Bedienung, Inhalte und das Zusammenspiel mit Hilfsmitteln. Ob eine Lösung funktioniert, muss geprüft werden – einschließlich der Erfahrungen der vorgesehenen Nutzerinnen und Nutzer.
Die beschriebenen Arbeitsabläufe und Prompts sind praktische Vorschläge für eigene, begrenzte Versuche. Aus den Quellen wird keine garantierte Wirkung auf Beschäftigung, Einkommen oder individuelle Belastung abgeleitet.
Quellen und weiterführende Informationen
- [1] Internationale Arbeitsorganisation: „AI's double-edged sword: A new frontier for employment of people with disabilities?“, 6. Oktober 2025. Einordnung von Chancen, Risiken und betrieblicher Verantwortung.www.ilo.org
- [2] National Autistic Society: „Guidance for the media“. Individuelle Kommunikationspräferenzen und respektvolle Bezeichnungen.www.autism.org.uk
- [3] British Dyslexia Association: „Creating a dyslexia friendly workplace“. Individuelle Unterstützung, verständliche Kommunikation und assistive Werkzeuge.www.bdadyslexia.org.uk
- [4] W3C Web Accessibility Initiative: „Use Clear Step-by-step Instructions“. Ergänzende Gestaltungsempfehlungen zur kognitiven Zugänglichkeit; kein Nachweis vollständiger Barrierefreiheit.www.w3.org
